Die Fotografie in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war weit mehr als nur das Drücken eines Auslösers. Sie war ein Politikum, ein technisches Aushängeschild und für viele Menschen ein privater Rückzugsort. Wer heute Bilder aus dieser Zeit betrachtet, muss verstehen, dass es immer zwei Welten gab: die offizielle, staatlich gewünschte Welt und die ungeschminkte Realität des Alltags.
1. Technik auf „Weltniveau“: Der Stolz aus Dresden und Jena
Bevor man über die Bilder spricht, muss man über die Kameras sprechen. Die DDR war – zumindest optisch-mechanisch – eine Großmacht. Die traditionsreichen Werke in Dresden (Pentacon) und Jena (Carl Zeiss) produzierten Technik, die weltweit begehrt war.
Die Praktica-Spiegelreflexkameras waren der „Volkswagen“ unter den Kameras: robust, erschwinglich und millionenfach produziert. Sie waren ein Exportschlager, der Devisen ins Land brachte. Für den DDR-Bürger war die Fotografie daher ein durchaus erreichbares Hobby, auch wenn man auf spezielle Zubehörteile oft lange warten musste.
2. Das offizielle Bild: Lächeln für den Sozialismus
In Zeitungen wie dem Neuen Deutschland oder in Bildbänden gab es kaum Platz für Zufälle. Die offizielle Fotografie folgte den Regeln des „Sozialistischen Realismus“.
- Der Auftrag: Fotoreporter hatten die Aufgabe, den Fortschritt zu dokumentieren.
- Die Motive: Man sah heldenhafte Arbeiter am Hochofen, lachende Erntehelferinnen und moderne Neubausiedlungen.
- Das Tabu: Verfallene Altbauten, Umweltverschmutzung oder Schlangen vor Geschäften existierten in dieser Bildwelt nicht. Fotos sollten erziehen, nicht nur abbilden.
3. Die „andere“ Sicht: Der ehrliche Blick auf den Alltag
Abseits der Propaganda entwickelte sich eine bemerkenswert starke künstlerische Szene. Fotografen wie Arno Fischer, Sibylle Bergemann oder Harald Hauswald suchten das wahre Leben. Ihre Bilder sind heute die wichtigsten Zeugnisse der DDR-Geschichte.
- Die Zeitschrift „Sibylle“: Oft als „Vogue des Ostens“ bezeichnet, war sie mehr als ein Modemagazin. Sie bot Fotografen eine Nische für ästhetische Experimente und Porträts, die melancholisch, stolz und individuell waren – ein Gegenentwurf zum Kollektiv-Gedanken.
- Der graue Alltag: Dokumentarfotografen hielten den Verfall der Städte fest, die einsamen Momente in der Kneipe oder die Punk-Szene in Prenzlauer Berg. Diese Bilder wurden oft nicht gedruckt, sondern nur in kleinen Galerien oder privaten Kreisen gezeigt.
4. Das organisierte Hobby: Die Fotozirkel
Da der Staat das Vereinswesen kontrollieren wollte, organisierten sich Hobbyfotografen in sogenannten Volkskunstkollektiven oder Fotozirkeln in Betrieben. Das klingt zunächst streng, war aber oft ein kreativer Freiraum. Hier lernten Amateure die Technik der Dunkelkammer, diskutierten über Bildkomposition und fuhren gemeinsam auf Exkursionen. Viele dieser Zirkel leisteten erstaunliche Arbeit und dokumentierten das Arbeitsleben und die Freizeit in der DDR umfassender, als es die offizielle Presse tat.
Fazit: Ein visuelles Erbe
Die Fotografie der DDR hinterlässt uns heute ein doppeltes Erbe. Zum einen die technisch perfekten, aber oft inszenierten Bilder der Propaganda. Zum anderen die sensiblen, oft schwarz-weißen Aufnahmen der Künstler und Amateure, die uns zeigen, wie sich das Leben hinter der Mauer wirklich anfühlte: manchmal grau, manchmal improvisiert, aber immer zutiefst menschlich.

Made in GDR: Technik, die Geschichte schrieb
Während in vielen Bereichen der DDR Mangelwirtschaft herrschte, war die Fotoindustrie eine glänzende Ausnahme. Die Regionen um Dresden und Jena waren schon vor dem Krieg das „Silicon Valley“ der Optik. Dieses Erbe wurde in der DDR unter dem Namen VEB Pentacon und VEB Carl Zeiss Jena fortgeführt.
Hier sind die technischen Details, die diese Ära prägten:
1. Die Kameras: Zwischen Robustheit und Innovation
Die DDR-Kameras waren bekannt dafür, mechanisch extrem widerstandsfähig zu sein. Elektronik wurde erst spät und zögerlich eingesetzt, was diese Kameras heute für Sammler so interessant macht – sie funktionieren oft immer noch.
- Die Praktica (Der Volkswagen der Kameras): Die Praktica aus Dresden war die meistverkaufte Spiegelreflexkamera (SLR) des Ostblocks. Besonders die L-Reihe (z. B. MTL 5) ist legendär.
- Technisches Merkmal: Der vertikal ablaufende Metalllamellenverschluss. Er war laut (ein sattes „Klack“), aber fast unzerstörbar und funktionierte auch bei eisigen Temperaturen.
- Anschluss: Jahrzehntelang nutzte man das M42-Gewinde. Das war der Weltstandard. Man konnte also DDR-Objektive auf japanische Kameras schrauben und umgekehrt. Später folgte das B-Bajonett, das technisch moderner, aber weniger verbreitet war.
- Die Exakta (Das Profi-System): Lange vor Nikon oder Canon baute die Firma Ihagee in Dresden mit der Exakta Varex ein modulares System für Profis. Man konnte den Sucher austauschen (Lichtschacht vs. Prisma).
- Kurios: Der Auslöser befand sich oft auf der linken Seite vorne. Das war ergonomisch gewöhnungsbedürftig, aber ein Markenzeichen.
- Die Beirette (Für den Schnappschuss): Nicht jeder hatte eine Spiegelreflex. Die Beirette (gebaut im Vogtland) war die einfache „Ritsch-Ratsch“-Kamera für den Familienurlaub. Einfache Technik, Plastikgehäuse, aber sie machte Bilder.
2. Die Optik: Weltklasse aus Jena
Wenn Fotografen heute von DDR-Technik schwärmen, meinen sie meistens das Glas. Carl Zeiss Jena (und später auch Meyer-Optik Görlitz) bauten Objektive, die optisch brillant waren.
- Das Tessar: Auch „Adlerauge“ genannt. Ein extrem scharfes Objektiv mit vier Linsen. Es war das Standard-Objektiv vieler Kameras.
- Das Pancolar & Biotar: Diese lichtstarken Objektive sind heute auf eBay extrem teuer. Warum? Wegen ihres „Swirly Bokeh“. Der unscharfe Hintergrund wirkt wie verwirbelt – ein künstlerischer Effekt, den moderne, computerberechnete Linsen oft nicht mehr haben.
- Meyer-Optik Görlitz (Trioplan): Bekannt für das „Seifenblasen-Bokeh“. Lichtpunkte im Hintergrund werden zu scharfen Kreisen (Bubbles). Ein Traum für Blumen- und Porträtfotografen.
3. Das Filmmaterial: ORWO (Original Wolfen)
Was im Westen Kodak und Agfa waren, war im Osten ORWO. Die Filmfabrik Wolfen versorgte den gesamten Ostblock mit Filmmaterial.
- Schwarz-Weiß (NP-Serie): Der Standard. Viele DDR-Fotografen entwickelten diese Filme selbst im Badezimmer, da dies billig war und man die Kontrolle über den Kontrast behielt. Der Look war oft körnig und kontrastreich („charakterstark“).
- Farbe (NC und UT): Farbfilme waren teurer und die Entwicklung dauerte lange, da man sie oft ins Labor schicken musste. Die Farben der ORWO-Filme hatten oft einen leichten Stich ins Pastellige oder Grünstichige, was heute als cooler „Retro-Look“ per Instagram-Filter nachgebaut wird.
4. Export in den Westen: „Revue“ und „Porst“
Ein spannendes Detail für deine Leser: Viele Westdeutsche fotografierten mit DDR-Technik, ohne es zu wissen. Die DDR brauchte Devisen (Westgeld). Deshalb wurden riesige Mengen an Praktica-Kameras und Zeiss-Objektiven in den Westen exportiert und dort von Versandhäusern wie Quelle oder Neckermann umgelabelt.
- Aus einer Praktica wurde im Westen eine Revueflex.
- Drinnen steckte die gleiche robuste Technik aus Dresden.

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