In der DDR war das Fotografieren nicht nur eine Frage der Kamera, sondern auch ein handwerkliches Abenteuer. Da es keine Drogeriemärkte mit 24-Stunden-Service an jeder Ecke gab, war Selbermachen das Gebot der Stunde.
Hier ist der technische Einblick in das Filmmaterial und die Laborkultur im Osten:
1. Das Filmmaterial: ORWO (Original Wolfen)
Fast alles, was in der DDR belichtet wurde, kam aus der Filmfabrik Wolfen. Nach der Aufteilung von Agfa entstand dort die Marke ORWO.
- Schwarz-Weiß-Filme (NP 15, NP 20, NP 27): Die Zahlen gaben die Empfindlichkeit an (je höher, desto besser für schlechtes Licht). Diese Filme waren günstig, überall verfügbar und die Basis für die typische DDR-Straßenfotografie.
- Farbauswahl (ORWOcolor): Farbfilme waren Luxus und im Vergleich zu Schwarz-Weiß deutlich teurer.
- NC 19 (Negativ): Für Abzüge auf Papier.
- UT 18 (Umkehrfilm): Für die beliebten Dia-Abende im Wohnzimmer.
- Der „Look“: ORWO-Farbfilme hatten eine charakteristische Farbpalette – oft etwas weniger knallig als westliche Kodak-Filme, mit einem Hang zu pastelligen Tönen und einem leichten Blau- oder Grünstich.
2. Die Entwicklung: Das Badezimmer als Dunkelkammer
Da die staatlichen Dienstleistungskombinate für die Entwicklung oft Wochen brauchten, entwickelten viele Hobbyfotografen ihre Schwarz-Weiß-Filme selbst. Das war kein Hexenwerk, erforderte aber Geduld und Präzision.
Der Prozess:
- Filmentwicklung: Der belichtete Film musste in absoluter Dunkelheit (meist unter der Bettdecke oder im schranklosen Flur) in eine Entwicklerdose (z. B. von Amatol) gespult werden. Dann kamen Chemikalien hinein: Entwickler, Stoppbad und Fixierer.
- Vergrößerung: Um vom Negativ ein echtes Foto zu machen, brauchte man einen Vergrößerer. Die Geräte hießen oft Krokus (aus Polen) oder Axomat. Das Licht fiel durch das Negativ auf Fotopapier.
- Die Schalen-Schlacht: Das belichtete Papier wanderte nacheinander durch drei Schalen mit Chemie. In diesem Moment geschah die Magie: Unter dem schummrigen Licht einer roten Dunkelkammerleuchte erschien langsam das Bild auf dem weißen Papier.
3. Chemie und Papier: Mangel macht erfinderisch
Man kaufte die Fotochemie meist in Pulverform (z. B. A 49 für die Feinkornentwicklung) und setzte sie mit abgekochtem Wasser selbst an.
- Fotopapier: Es gab verschiedene Gradationen (weich, spezial, normal, hart). Da nicht immer alle Sorten im Laden verfügbar waren, mussten Fotografen lernen, die Belichtung und Chemie so zu steuern, dass das Ergebnis trotzdem stimmte.
- Trocknung: Die fertigen Bilder wurden oft auf einer Trockenpresse glänzend gemacht oder einfach an einer Wäscheleine im Badezimmer aufgehängt.
4. Gemeinschaftliches Entwickeln: Die Foto-Zirkel
Wer kein eigenes Labor im Bad aufbauen konnte (oder durfte), ging in einen Foto-Zirkel. Diese waren oft an Betriebe oder Kulturhäuser angegliedert.
- Vorteil: Hier gab es hochwertige Vergrößerer, professionelle Trockenpressen und erfahrene Leiter, die Tipps zur Bildgestaltung gaben.
- Sozialer Faktor: Man fachsimpelte über die beste Mischung des Entwicklers oder tauschte seltene Fotopapiere gegen Objektive.
Fun Fact: Die typischen Plastik-Entwicklerdosen aus der DDR sind so robust, dass viele Analog-Fans sie heute noch benutzen. Sie sind ein Paradebeispiel für langlebiges Industriedesign.
