Bucharbeit · 17.09.2026
Schreiben beginnt nicht am Schreibtisch
SCHREIBWERKSTATT · 1
Schreiben beginnt nicht am Schreibtisch
Wie aus einem Erlebnis erst ein Gedanke und irgendwann vielleicht ein Text wird
Ich bin kein Schriftsteller, der morgens um sechs Uhr sein Arbeitszimmer betritt, eine besondere Lampe einschaltet und anschließend vier Stunden lang druckreife Sätze produziert.
Schon deshalb nicht, weil mein Leben über viele Jahre aus Schichten, Verantwortung, Entscheidungen und Menschen bestand, die sich selten danach richteten, ob ich gerade einen guten Gedanken festhalten wollte.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich überhaupt schreibe.
Mein Material entsteht nicht in einer erfundenen Welt. Es entsteht dort, wo Menschen miteinander arbeiten, aneinandergeraten, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen oder sie mit bemerkenswerter Geschicklichkeit an andere weiterreichen. Es entsteht in Gesprächen, in kurzen Blicken und manchmal in jener besonderen Art von Stille, bei der jeder im Raum weiß, dass gerade etwas gründlich schiefläuft – nur noch niemand entschieden hat, wer es zuerst ausspricht.
Solche Situationen bleiben bei mir hängen.
Nicht jede wird später zu einem Text. Manche sind nur ärgerlich. Andere wirken zunächst völlig belanglos und bekommen erst mit Abstand eine Bedeutung. Und einige sind so absurd, dass man sie gar nicht erfinden könnte, ohne als Autor maßlos übertrieben zu wirken.
Das wirkliche Leben besitzt da weniger Hemmungen.
Eine Geschichte beginnt mit einer Irritation
Am Anfang eines Textes steht bei mir nicht unbedingt eine ausgearbeitete Handlung. Meistens steht dort eine Irritation.
Etwas passt nicht zusammen.
Jemand sagt das eine und tut das andere. Eine Entscheidung klingt vernünftig, führt aber zu einem vollkommen unvernünftigen Ergebnis. Ein Mensch, den man längst zu kennen glaubte, reagiert plötzlich völlig anders. Oder eine kleine, beiläufige Bemerkung erklärt im Nachhinein eine ganze Situation.
Genau dort beginnt für mich das Nachdenken.
Was ist hier eigentlich passiert?
Warum beschäftigt mich diese Szene noch?
Und weshalb erinnere ich mich ausgerechnet daran, während andere Ereignisse längst verschwunden sind?
Diese Fragen sind wichtiger als ein besonders schöner erster Satz. Der schöne Satz kann später kommen. Manchmal kommt er sogar. Darauf verlassen sollte man sich allerdings nicht.
Eine Erinnerung allein ist noch keine Geschichte. Sie ist zunächst nur Rohmaterial. Sie kann interessant, komisch, schmerzhaft oder lehrreich sein – aber sie braucht einen Blickwinkel. Erst wenn ich erkenne, worum es unter der sichtbaren Oberfläche eigentlich geht, entsteht daraus etwas, das auch für andere Menschen lesenswert werden kann.
Dann handelt eine Geschichte vielleicht gar nicht mehr nur von einem bestimmten Gespräch. Sie handelt von Verantwortung. Von Angst vor Entscheidungen. Von falsch verstandener Loyalität. Von Führung. Oder von der erstaunlichen Fähigkeit mancher Menschen, ein Problem so lange weiterzureichen, bis es beim Einzigen landet, der es ursprünglich gar nicht verursacht hat.
Nicht alles, was erlebt wurde, muss aufgeschrieben werden
Wer aus dem eigenen Berufsleben und aus persönlichen Erfahrungen schreibt, steht vor einer besonderen Aufgabe: Das Erlebte gehört nicht allein demjenigen, der darüber schreibt.
In meinen Geschichten kommen andere Menschen vor – selbst dann, wenn ihre Namen später nicht mehr auftauchen. Sie haben ihre Sicht auf eine Situation, ihre eigene Geschichte und ein Recht darauf, nicht öffentlich vorgeführt zu werden.
Deshalb genügt es nicht, einfach aufzuschreiben, was passiert ist.
Namen, Orte und zeitliche Abläufe können verändert werden. Mehrere Erlebnisse lassen sich zu einer Szene zusammenführen. Einzelheiten, die für die eigentliche Aussage keine Rolle spielen, können verschwinden. Entscheidend ist nicht, ob jedes Detail wie in einem Dienstbericht rekonstruiert wird. Entscheidend ist, ob der innere Kern der Situation erhalten bleibt.
Literarische Verfremdung bedeutet für mich nicht, die Wahrheit zu verfälschen. Sie bedeutet, die beteiligten Menschen zu schützen und gleichzeitig das sichtbar zu machen, was an einer Erfahrung über den Einzelfall hinausweist.
Das ist gelegentlich schwieriger, als einen eleganten Absatz zu formulieren.
Ein Satz lässt sich umstellen. Ein menschlicher Schaden nicht so leicht.
Drei Fragen an eine Erinnerung
Bevor aus einem Erlebnis ein brauchbarer Text werden kann, helfen mir drei gedankliche Ebenen:
Was ist geschehen?
Dabei geht es zunächst nur um das Beobachtbare. Wer tat was? Welche Entscheidung wurde getroffen? Wo lag der Konflikt? Noch keine Bewertung, keine nachträgliche Klugheit und möglichst wenig innere Verteidigungsrede.
Was hat die Situation mit mir gemacht?
Hier wird es persönlicher. War ich verärgert, enttäuscht, erleichtert oder vielleicht selbst Teil des Problems? Gerade die letzte Möglichkeit wird beim Schreiben gern übersehen. Die eigene Erinnerung besetzt uns schließlich meistens in der Rolle des vernünftigen Beteiligten. Das ist angenehm, aber nicht zwingend wahr.
Was könnte daran auch für andere interessant sein?
Diese Frage trennt eine private Erinnerung von einem Text, der Leser mitnehmen kann. Nicht jeder schlechte Arbeitstag enthält automatisch eine allgemeingültige Erkenntnis. Manchmal war es tatsächlich nur ein schlechter Arbeitstag.
Wenn aber hinter einem Erlebnis eine größere Frage sichtbar wird, lohnt sich die weitere Arbeit.
Wie entscheidet man, wenn keine Lösung wirklich gut ist?
Was bedeutet Verantwortung, wenn man den Ausgang nicht kontrollieren kann?
Wie führt man Menschen, die völlig verschieden denken und trotzdem gemeinsam funktionieren müssen?
Und weshalb werden einfache Probleme zuverlässig komplizierter, sobald ausreichend viele Personen an ihrer Lösung beteiligt sind?
Solche Fragen tragen einen Text weiter als die bloße Schilderung eines Ereignisses.
Der erste brauchbare Satz ist nicht immer der erste Satz
Viele Texte beginnen mit einem Satz, der später nicht mehr darin vorkommt.
Er erfüllt trotzdem einen Zweck. Er bringt den Gedanken in Bewegung.
Das ist eine beruhigende Erkenntnis, denn ein leerer Bildschirm zeigt wenig Respekt vor Berufserfahrung. Er ist unbeeindruckt von Abschlüssen, Verantwortungsbereichen und der Zahl überstandener Konflikte. Er bleibt einfach leer und wartet.
Deshalb muss der erste Satz nicht brillant sein. Er muss nur den zweiten ermöglichen.
Ein erster Entwurf darf Umwege enthalten. Er darf zu lang sein, an manchen Stellen zu deutlich und an anderen noch vollkommen unklar. Wer während des Schreibens bereits jeden Satz endgültig machen will, versucht gleichzeitig zu denken, zu erzählen, zu beurteilen und zu korrigieren.
Das funktioniert ungefähr so gut, als wollte man eine Straßenbahn fahren, während man noch an den Schienen baut.
Zunächst muss etwas entstehen. Die Ordnung kommt später.
Eine kleine Übung für eigene Erinnerungen
Wer selbst Erlebnisse festhalten möchte, braucht dafür noch kein Buchprojekt. Eine einzelne Situation genügt.
Schreiben Sie zunächst fünf Sätze darüber, was tatsächlich geschehen ist. Danach fünf Sätze darüber, weshalb die Situation in Erinnerung geblieben ist. Zum Schluss einen einzigen Satz darüber, worum es in Wahrheit ging.
Dieser letzte Satz ist häufig der wichtigste.
Vielleicht lautet er:
Es ging gar nicht um den Fehler, sondern darum, dass niemand die Verantwortung übernehmen wollte.
Oder:
Ich war nicht deshalb enttäuscht, weil meine Entscheidung kritisiert wurde, sondern weil niemand vorher bereit gewesen war, selbst eine zu treffen.
Ein solcher Kernsatz muss später nicht im veröffentlichten Text stehen. Aber er zeigt, in welche Richtung der Text gehen könnte. Er ist gewissermaßen der innere Kompass der Geschichte.
Ohne ihn kann man viele Seiten schreiben und trotzdem nirgendwo ankommen.
Schreiben ist für mich eine Form des Ordnens
Ich habe nicht angefangen zu schreiben, weil mein Leben unbedingt zwischen zwei Buchdeckel musste. Ich habe angefangen, weil Erlebnisse und offene Fragen nach einer Form verlangten.
Für Konflikte und Probleme brauche ich einen Umgang. Es muss nicht immer die perfekte Lösung sein. Die gibt es ohnehin seltener, als manche Ratgeber vermuten lassen. Aber es muss einen Weg geben, das Geschehene einzuordnen.
Schreiben hilft mir dabei.
Es macht aus einer diffusen Erinnerung eine erkennbare Situation. Aus Ärger wird eine Frage. Aus einer Frage kann eine Erkenntnis werden. Und manchmal entsteht daraus sogar eine Geschichte, die einem anderen Menschen etwas mitgibt.
Das ist der Punkt, an dem Schreiben für mich interessant wird.
Nicht, weil dadurch im Nachhinein alles richtig wird. Auch ein sorgfältig formulierter Absatz ändert keine frühere Entscheidung. Aber er kann sichtbar machen, was damals auf dem Spiel stand, weshalb Menschen so handelten und was sich daraus lernen lässt.
Vielleicht ist das Schreiben deshalb gar nicht so weit von Führung entfernt.
Beides verlangt genaues Hinsehen. Beides verlangt Entscheidungen. Und bei beidem erkennt man häufig erst hinterher, welcher Satz besser nicht stehen geblieben wäre.
In der nächsten Werkstattnotiz geht es um die praktische Seite: Wie aus einzelnen Gedanken, Erinnerungen und halben Sätzen ein Materialbestand entsteht – und wie man verhindert, dass eine gute Idee genau dort verschwindet, wo man sie garantiert nie wiederfindet.
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