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FOKUS & VERNUNFT. RÖHRBEIN.

Bucharbeit · 27.09.2026

Mal viel. Mal wenig. Manchmal gar nicht.

SCHREIBWERKSTATT · 3

Warum Schreiben nicht immer nach Kalender funktioniert

Ich habe keinen festen Schreibrhythmus.

Es gibt Tage und Wochen, in denen viel entsteht. Ein Gedanke führt zum nächsten, eine Szene zieht eine zweite nach sich, und plötzlich wächst aus einer kurzen Sprachnotiz ein längerer Text.

Dann gibt es Zeiten, in denen nur einzelne Sätze dazukommen.

Und manchmal schreibe ich gar nicht.

Das klingt zunächst nicht nach der Arbeitsweise, die man von einem Schriftsteller erwartet. Schon gar nicht nach jener idealen Vorstellung, in der ein Autor jeden Morgen zur selben Uhrzeit an seinem Schreibtisch sitzt, eine festgelegte Anzahl von Wörtern schreibt und anschließend zufrieden den Haken hinter sein tägliches Pensum setzt.

Ich bewundere Menschen, die das können.

Mein eigenes Schreiben funktioniert anders.

Es muss seinen Platz neben einem Berufsleben, Verantwortung und dem gewöhnlichen Alltag finden. Dieser Alltag wurde allerdings nie darüber informiert, dass er für ein Buchprojekt regelmäßig zur Seite treten soll. Entsprechend gering ist seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Ein Buch entsteht nicht nur während des Tippens

Lange habe ich Schreiben vor allem mit sichtbarem Fortschritt verbunden.

Eine neue Seite war Fortschritt. Ein überarbeiteter Abschnitt war Fortschritt. Eine wachsende Wortzahl war Fortschritt. Ein Tag, an dem nichts davon geschah, wirkte dagegen schnell wie verlorene Zeit.

Inzwischen sehe ich das differenzierter.

Ein Text entsteht nicht ausschließlich in dem Moment, in dem die Finger über die Tastatur gehen. Manchmal beginnt die eigentliche Arbeit viel früher. Eine Situation beschäftigt mich. Ein Gedanke verändert sich. Eine Erinnerung bekommt mit Abstand eine andere Bedeutung. Oder ich erkenne erst nach einiger Zeit, worum es bei einem Erlebnis tatsächlich ging.

All das sieht man später keinem Word-Dokument an.

Dort erscheint irgendwann ein Absatz. Vielleicht sogar ein ziemlich klarer. Dass dieser Absatz innerlich bereits Tage oder Wochen unterwegs war, bevor er geschrieben wurde, bleibt unsichtbar.

Das bedeutet nicht, dass jedes Nichtschreiben heimliche literarische Arbeit ist. Manchmal habe ich schlicht keine Zeit. Manchmal fehlt die Ruhe. Und manchmal habe ich auch einfach keine Lust.

Das darf man ruhig zugeben.

Nicht jeder Abend muss produktiv sein. Nicht jede freie Stunde benötigt ein Ergebnis. Und nicht aus jeder Phase, in der nichts entsteht, muss man sofort eine Schaffenskrise machen. Gelegentlich ist eine Pause nur eine Pause.

Auch Schriftsteller dürfen müde sein. Selbst semiprofessionelle.

Warum ich mich nicht zum Schreiben zwinge

Disziplin ist wichtig. Ohne sie würde aus vielen Vorhaben niemals mehr als eine gute Absicht.

Trotzdem halte ich wenig davon, mich um jeden Preis zu einem Text zu zwingen, nur damit am Ende des Tages eine bestimmte Wortzahl erreicht ist. Wörter lassen sich produzieren. Das bedeutet noch lange nicht, dass sie etwas zu sagen haben.

Gerade bei einem Buch, das auf persönlichen Erlebnissen, Führungsverantwortung und der Beobachtung von Menschen beruht, brauche ich mehr als bloße Schreibzeit. Ich brauche einen Zugang zu der jeweiligen Szene.

Ich muss verstehen, weshalb sie wichtig ist.

Wenn dieser Zugang fehlt, kann ich trotzdem Sätze schreiben. Meistens merkt man ihnen das später an. Sie erklären zu viel, bleiben gleichzeitig unklar oder drehen sich um einen Gedanken, der selbst noch nicht weiß, wohin er möchte.

Solche Texte können bei der Überarbeitung durchaus nützlich sein. Sie zeigen wenigstens, wo das Problem liegt. Manchmal ist es aber vernünftiger, einen unfertigen Abschnitt erst einmal liegen zu lassen.

Vernunft spielt bei diesem Buch ohnehin eine gewisse Rolle.

Wobei sie beim Schreiben nicht immer zuverlässig anwesend ist.

Die Schwierigkeit mit der passenden Gelegenheit

Ein guter Gedanke hält sich selten an Bürozeiten.

Er erscheint nicht automatisch dann, wenn Word geöffnet ist, der Kaffee bereitsteht und ausreichend Ruhe vorhanden wäre. Häufig kommt er in einem Augenblick, in dem er ausgesprochen unpraktisch ist.

Deshalb sind die Sprachnotizen für mich so wichtig. Ich muss nicht sofort den vollständigen Text schreiben. Ich muss den Gedanken nur so weit sichern, dass ich später wieder zu ihm zurückfinden kann.

Damit entsteht eine Trennung zwischen zwei Arbeitsphasen:

Zuerst wird der Gedanke festgehalten.

Später wird daraus geschrieben.

Diese Trennung nimmt Druck heraus. Nicht jede Idee verlangt sofort nach einem fertigen Abschnitt. Eine Szene darf zunächst eine Szene bleiben. Ein Satz darf allein stehen. Eine Beobachtung muss nicht noch am selben Tag beweisen, dass sie ein ganzes Kapitel tragen kann.

Ein Buchprojekt besteht deshalb nicht nur aus Texten. Es besteht ebenso aus Möglichkeiten.

Manche davon entwickeln sich weiter. Andere bleiben Notizen. Einige tauchen Monate später an einer völlig anderen Stelle wieder auf. Und manche erweisen sich bei genauerem Hinsehen als Gedanken, die vor allem deshalb beeindruckend wirkten, weil es schon sehr spät war.

Auch das gehört dazu.

Wenn viel entsteht

Es gibt Phasen, in denen das Schreiben leichtläuft.

Dann fügt sich eine Szene in die nächste. Die Richtung stimmt, der Ton trägt und die Gedanken kommen schneller, als sie ordentlich formuliert werden können. In solchen Zeiten versuche ich, den Schwung zu nutzen.

Das bedeutet nicht, dass der entstehende Text bereits fertig ist.

Gerade wenn viel auf einmal geschrieben wird, schleichen sich Wiederholungen ein. Übergänge fehlen. Manche Sätze klingen beim Schreiben hervorragend und am folgenden Tag vor allem sehr überzeugt von sich selbst.

Trotzdem ist diese erste Bewegung wertvoll.

Ein Text braucht zunächst Material. Überarbeiten kann ich nur, was bereits vorhanden ist. Eine leere Seite besitzt kaum sprachliche Schwächen – sie bietet allerdings auch wenig, woran man weiterarbeiten könnte.

Wenn eine produktive Phase kommt, darf deshalb erst einmal etwas entstehen. Die strengere Prüfung folgt später.

Schreiben und Überarbeiten sind für mich unterschiedliche Aufgaben. Beim Schreiben suche ich den Text. Beim Überarbeiten entscheide ich, welcher Teil davon bleiben darf.

Wer beides gleichzeitig erledigen will, kommt möglicherweise nur langsam voran. Kaum ist ein Satz geschrieben, wird er schon kontrolliert, bezweifelt und umgebaut. Am Ende ist der erste Absatz ordentlich poliert, während der Rest des Textes weiterhin ausschließlich als gute Absicht existiert.

Wenn wenig entsteht

Langsame Phasen sind schwieriger zu beurteilen.

Man sitzt vor einem begonnenen Text und weiß durchaus, was man sagen möchte. Nur der Weg dorthin wirkt plötzlich unnötig kompliziert. Jeder Satz benötigt mehrere Anläufe, und selbst einfache Formulierungen benehmen sich, als hätten sie vorher nie zur deutschen Sprache gehört.

Dann hilft es mir, die Aufgabe zu verkleinern.

Ich muss nicht sofort das Kapitel fertigstellen.

Vielleicht genügt es, eine Szene zu ergänzen. Einen Absatz neu zu ordnen. Eine Stelle zu markieren, die noch nicht funktioniert. Oder den vorhandenen Text einmal vollständig zu lesen, ohne ihn gleich an jeder zweiten Zeile zu verändern.

Auch eine kleine Verbesserung ist eine Verbesserung.

Der entscheidende Unterschied liegt zwischen langsamem Weiterarbeiten und wirklichem Stillstand. Langsames Arbeiten kann sehr gründlich sein. Es sieht nur von außen weniger eindrucksvoll aus.

Ein Buch entsteht nicht dadurch schneller, dass man sich für jede ruhige Phase Vorwürfe macht.

Wenn gar nichts entsteht

Und dann gibt es Tage, an denen nichts geschrieben wird.

Keine neue Szene. Kein überarbeiteter Absatz. Nicht einmal eine Überschrift – wobei die bei mir ohnehin erst am Schluss entsteht.

Diese Tage gehören zum Projekt, auch wenn sie im fertigen Manuskript nicht auftauchen.

Ein Beruf fordert Aufmerksamkeit. Menschen fordern Aufmerksamkeit. Manchmal benötigt auch das eigene Leben etwas davon. Schreiben konkurriert dabei nicht nur mit Terminen, sondern ebenso mit Müdigkeit, innerer Unruhe und dem schlichten Wunsch, einmal nichts herstellen, lösen oder entscheiden zu müssen.

Ich halte es für ehrlicher, solche Phasen anzunehmen, als mir eine literarische Disziplin vorzutäuschen, die mit meinem tatsächlichen Alltag nichts zu tun hat.

Wichtig ist nicht, dass jeder Tag eine neue Seite hervorbringt.

Wichtig ist, den Weg zurück zum Text nicht zu verlieren.

Eine Sprachnotiz kann dabei helfen. Ein alter Absatz, den man noch einmal liest. Eine Szene, die weiterhin im Kopf geblieben ist. Manchmal genügt ein einzelner Satz, um wieder anzuknüpfen.

Nach einer längeren Pause muss ich nicht dort weitermachen, wo ich aufgehört habe. Ich darf dort beginnen, wo gerade wieder etwas lebendig wird.

Drei Möglichkeiten, wieder in einen Text zu finden

Wer ohne festen Rhythmus schreibt, braucht weniger einen strengen Tagesplan als einen einfachen Wiedereinstieg.

Mir erscheinen dafür drei Wege besonders brauchbar:

Die letzte Szene lesen

Nicht das gesamte Manuskript öffnen und sofort dessen Umfang betrachten. Das kann beeindruckend sein, muss aber nicht motivieren. Oft genügt die letzte bearbeitete Szene. Sie erinnert daran, worum es ging und in welchem Ton der Text geschrieben wurde.

Eine offene Frage notieren

Wenn ein Abschnitt nicht weitergeht, fehlt möglicherweise nicht die passende Formulierung, sondern eine Entscheidung. Was soll diese Szene eigentlich zeigen? Welche Erkenntnis soll bleiben? Was habe ich selbst damals noch nicht verstanden?

Eine klare Frage bringt häufig mehr Bewegung in den Text als zehn erzwungene Sätze.

Klein anfangen

Nicht: Heute schreibe ich ein Kapitel.

Sondern: Heute sehe ich mir diesen einen Absatz an.

Aus einem Absatz können zwei werden. Aus zwei Absätzen vielleicht eine Seite. Und wenn es bei einem Absatz bleibt, ist wenigstens dieser weiter als vorher.

Das klingt wenig spektakulär.

Es funktioniert aber häufig besser als der feierliche Vorsatz, ab sofort jeden Tag mehrere Stunden an einem literarisch bedeutenden Werk zu arbeiten.

Feierliche Vorsätze besitzen eine erstaunlich kurze Lebensdauer.

Regelmäßigkeit ist nicht das einzige Maß

Ein fester Rhythmus kann Sicherheit geben. Wer täglich schreibt, muss nicht jedes Mal neu entscheiden, wann es weitergeht. Das ist ein klarer Vorteil.

Aber Regelmäßigkeit allein sagt nichts über die Qualität eines Textes aus.

Ein Mensch kann jeden Tag schreiben und sich trotzdem im Kreis bewegen. Ein anderer schreibt unregelmäßig, bringt dafür aber viel Erfahrung, Beobachtung und gedankliche Vorarbeit mit. Entscheidend ist nicht nur, wie häufig jemand am Dokument sitzt. Entscheidend ist, was dort geschieht.

Für mich muss Schreiben zu meinem Leben passen – nicht mein gesamtes Leben zu einer idealisierten Vorstellung vom Schreiben.

Das Buch entsteht deshalb in Etappen.

Manchmal schnell, manchmal langsam und manchmal eine Weile überhaupt nicht sichtbar. Der Faden bleibt trotzdem bestehen. Er liegt in den Szenen, den Sprachnotizen, den angefangenen Texten und den Fragen, auf die ich noch keine überzeugende Antwort gefunden habe.

Vielleicht ist genau das mein Schreibrhythmus:

Kein gleichmäßiger Takt, aber eine wiederkehrende Bewegung.

Ich gehe zum Text zurück, wenn etwas gesagt werden muss. Ich lasse ihn liegen, wenn ich noch nicht weiß, was es ist. Und ich versuche, den Unterschied zwischen einer notwendigen Pause und bequemem Aufschieben wenigstens gelegentlich rechtzeitig zu erkennen.

Das gelingt nicht immer.

Aber ein ehrlicher unregelmäßiger Weg ist mir lieber als eine perfekte Routine, die nur auf dem Papier existiert.

In der nächsten Etappe geht es um den empfindlichsten Teil dieser Arbeit: Wie aus einer tatsächlich erlebten Situation ein lesbarer Text wird – ohne Menschen bloßzustellen, ohne aus einer Erinnerung einen Dienstbericht zu machen und ohne den Kern der Geschichte zu verlieren.

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