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FOKUS & VERNUNFT. RÖHRBEIN.

Fotografie · 07.09.2026

Zwischen Marmor, Patina und Wiener Seele

Werkstattnotizen – als visuelle Spurensuche zwischen Vergänglichkeit, Baukunst und dem unverkennbaren Wiener Gemüt.

Wien im Spätsommer hat sein ganz eigenes Licht. Wenn die Sonne flach durch die alten Baumkronen bricht und der warme Nachmittagswind über die Kieswege streicht, entfaltet der Wiener Zentralfriedhof eine ganz besondere Magie. Es ist kein Ort der düsteren Schwere, sondern eine weitläufige Stadt der Erinnerung – ein einzigartiges Freilichtmuseum des Lebens, der Kunst und der unzähligen Geschichten, die diese Stadt über Jahrhunderte geprägt haben. In den vergangenen Tagen war ich dort intensiv mit der Kamera unterwegs. Nicht auf der Suche nach Morbidität, sondern nach jenen leisen, ehrlichen Augenblicken, die das Auge schärfen und das Herz entschleunigen.

Wer sich auf das gewaltige Areal einlässt, merkt schnell, wie nah Erhabenheit und Profanes, Kunst und Alltag nebeneinander ruhen. Da ist auf der einen Seite die majestätische Friedhofskirche zum heiligen Karl Borromäus mit ihrer leuchtend grünen Kuppelkuppel, die sich stolz vor dem blauen Himmel aufbaut. Und nur ein paar Wege weiter steht ein akkurat restauriertes, hellgrünes Häuschen aus der Jahrhundertwende mit der Aufschrift „Abort & Pissoir“ – ein historisches Stück Alltagsinfrastruktur, das auf seine ganz eigene, unaufgeregte Art genauso viel über den Respekt vor der Vergangenheit erzählt wie die großen Monumente.

Besonders faszinierend ist die Begegnung mit den Menschen, die Wien ihre Stimme, ihr Lachen oder ihre Haltung geliehen haben. Das Ehrengrab von Manfred Deix mit seinem frech gekrönten Katzenkönig beweist, dass Schalk und feine Satire selbst am Ort der letzten Ruhe ihren Platz haben. Das großflächige Porträt von Horst Chmela erinnert an die Unverfälschtheit des Wienerlieds, während Arik Brauers terrakottafarbene Flötenspieler-Skulptur die zeitlose Poesie des Phantastischen Realismus ausstrahlt. Und doch sind es oft die stillen, ganz privaten Schicksale – wie die strahlend weißen Engelsflügel am Grab des kleinen Luka –, die einen innehalten lassen und die Fotografie in tiefe Ehrfurcht hüllen.

Fotografie an einem solchen Ort erfordert Achtsamkeit, Perspektive und den richtigen Blick für Texturen – vom blätternden Lack alter gusseisener Sektorschilder bis hin zur feinen Marmormaserung. Nun sitze ich am digitalen Werktisch: Die Aufnahmedaten werden strukturiert, die Bildstimmungen behutsam herausgearbeitet und das Wasserzeichen gesetzt. Diese Aufnahmen bilden das Herzstück der nächsten Beiträge hier in den Werkstattnotizen – als visuelle Spurensuche zwischen Vergänglichkeit, Baukunst und dem unverkennbaren Wiener Gemüt.

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Jens Röhrbein, Dorfstraße 29, 16356 Ahrensfelde

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